Freitag, 28. August 2015

Was bisher geschah...



Lebt noch und bloggt wieder: Frau Schulz


Ihr fragt euch bestimmt schon, ob irgendetwas Gravierendes passiert ist, da ich in der letzten Zeit leider nicht mehr zum bloggen kam.
Darauf ein klares Ja als Antwort: Herr Fuchs und ich sind nämlich zusammengezogen und leben nun in wilder Ehe zusammen. Und da wir uns sehr lieben, teilen wir seit Anfang August nicht nur Tisch und Bett, sondern auch das Schicksal, dass sich unser Internetanbieter mit dem Umzug einfach ein bisschen Zeit lässt. Sprich: wir leben ohne Internet. Da fällt das bloggen naturgemäß schwer und wird bis auf weiteres leider eher eine Ausnahmeerscheinung bleiben. Ich bin jedoch froher Hoffnung, dass wir ab September wieder Internet haben und dann vielleicht auch endlich das Arbeitszimmer (der schändlich vernachlässigte Raum am Ende des Universums) fertig ist. Und ich dann endlich wieder bloggen kann – zu sagen/schreiben habe ich nämlich mehr als genug!
Ich bastele nämlich an tausend neuen Sachen, koche und backe nach wie vor mit Begeisterung und schieße weiterhin viele Fotos, aus denen dann die hübschesten ausgewählt werden, um die Rezepte, Rezensionen und Storys zu begleiten.

Um endlich wieder auf dem Laufenden zu sein, kommt jetzt ein kleiner Abriss, was bisher geschah:
1.) Unseren Toskanaurlaub haben Herr Fuchs und ich ohne Krach und Weh herumgebracht und sehr genossen. Wir tranken viel Wein, aßen noch mehr Pizza und wurden knackig braun (vor allem ich - Herr Fuchs changierte zwischen edler Blässe und leuchtender Röte).

Haben sich prima erholt: Herr Fuchs und Frau Schulz.
2.) Kaum zurück in Deutschland stand dann auch schon der Umzug an. Und wie wir umzogen: mit Sack und Pack, mit vielen Freunden, noch mehr Bier, wenigen Möbeln (wir misteten beide viel aus) und einer glühenden Kreditkarte bei IKEA.
3.) Mio und TomTom haben den Umzug gut überstanden und leben sich aktuell noch ein – sie sollen auch wieder Freigang bekommen, allerdings wird das erst in ca. 4 Wochen möglich sein.

Müssen noch drinnen bleiben und sich akklimatisieren: Mio und TomTom (v.l.n.r.)
4.) Wir haben Zuwachs bekommen: seit dem 07.08.15 lebt Keno aus dem Mainzer Tierheim bei uns.

Keno (8 Jahre) hat jetzt ein Zuhause.

In den vergangenen Wochen haben wir uns vor allem um die Vergesellschaftung der Kater mit Keno gekümmert. Hier gibt es erwartungsgemäß Hochs und Tiefs, allerdings verhält sich Keno absolut vorbildlich. Auch die Miezen gewöhnen sich an Keno und werden mutiger.

Mio und TomTom (im Hintergrund, v.l.n.r.) finden die neue Katze a.k.a. Keno noch etwas seltsam.

Mit Keno haben wir allerdings eine dauerhafte Aufgabe übernommen: Da er ein unsicherer Hund ist, der leider gelernt hat, dass Beißen ihn aus unsicheren Situationen rettet, gestalten sich „normale“ Dinge wie Besuch empfangen, jemanden besuchen, Hundekontakte, Kontakte mit Fremden ausgesprochen schwierig. Da wir jedoch bereits ein Jahr zuvor nach Kenos Ankunft im Tierheim begonnen haben, mit ihm Gassi zu gehen, kennen Herr Fuchs und ich seine Macken und wussten schon zuvor, worauf wir uns ungefähr einlassen. In einigen Punkten überraschte er uns positiv (zum Beispiel ist er draußen vorbildlich abrufbar, steht auch neue Situationen wie duschen/baden oder Hundefriseur gut durch), an anderen Stellen müssen wir mehr arbeiten als zuvor gedacht. Dennoch sind wir sehr froh über unseren Neuzugang und werden jeden Morgen in unserer Entscheidung bestätigt, ihn aufzunehmen: dann nämlich wenn wir ins Wohnzimmer gehen, um ihn zur ersten Gassirunde mitzunehmen (derzeit schläft Keno noch bei geschlossener Wohnzimmertür, damit die Kater nachts stressfrei die ganze restliche Wohnung zur Verfügung haben) und er uns freudewackelnd begrüßt. Sein ganzer Körper bebt dann, sein Schwanz wedelt wild hin und her und er hüpft ausgelassen vor uns herum. 

Keno spielt mit Nachbarshündin Lilou. Zur Sicherung trägt er dabei einen Maulkorb.

Entspannt morgens gerne in den Feldern: Keno.

Ihr seht – trotz (unfreiwilliger) Blogabstinenz gab es in den vergangenen Wochen keine Langeweile im Hause Schulz :)

Mittwoch, 26. August 2015

„Ich habe nichts gegen Flüchtlinge, aber...“

Vor einiger Zeit wartete ich mit ein paar Leuten, die ich vom Sehen her kannte, vor dem Tierheim. Am Rande bekam ich ein Gespräch mit, während dessen sich der eine über seine Nachbarin beschwerte, die, wie er anmerkte, Polin sei und ihn bei seinen Beschwerden kaum verstünde. Der andere meinte darauf hin, dass er die ja gerne mal besuchen könne: mit seiner neuen Frisur (sprach er und lüpfte seine Mütze, sodass man seine Glatze darunter erahnen konnte) und ganz in Schwarz  hätte sie dann vielleicht endlich Respekt. Und wenn das nicht reichen sollte, könne er den Auftritt auch noch mit der passenden Musik unterlegen. 'Welche Musik denn?', fragte der erste. 'Landser“, kam wie aus der Pistole geschossen.
Bereits zu Beginn des mehrminütigen Gespräches wurde mir wegen der aggressiven Stimmung flau im Magen. Als der zweite jedoch mit der Nennung der als "Rechtsrock"-Band 'Landser' ganz offensichtlich seine Gesinnung offenbarte, drehte ich mich zu den beiden um und platzte heraus: „Das ist doch Nazischeiße!“ Alle Umstehenden schwiegen, traten von einem Fuß auf den anderen, schauten auf den Boden. Die Situation war unangenehm. „Ist doch wahr, das ist Nazischeiße“, legte ich nach, drehte mich dann zu Herrn Fuchs um und starrte angestrengt auf die Tierheimtür. Ich weiß nicht, was mir in dem Moment unangenehmer war: dass kein anderer etwas dazu gesagt hatte oder dass ich mir so einen Blödsinn heutzutage überhaupt noch anhören muss.

In den letzten Monaten nehme ich zunehmend Menschen wahr, die in ihrem Alltagsrassismus andere diffamieren und verunglimpfen, zugleich aber Wert darauf legen, keine Rassisten zu sein. „Ich habe ja nichts gegen Flüchtlinge, aber...“, „Ich bin kein Rassist, aber...“, „In anderen Ländern darf man wenigstens noch stolz auf sein Vaterland sein, hier in Deutschland aber...“ und ähnliche Parolen hört und liest man mittlerweile alle Nase lang. Und ganz ehrlich: mir wird körperlich schlecht, wenn ich mir solch einen Quatsch anhören/anlesen muss!

Ich habe Geschichte studiert und das unsägliche Grauen in den Taten der Nationalsozialisten in den dreißiger und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist mir vielleicht durch mein Studium präsenter als anderen. Doch ich muss nicht knapp 80 Jahre zurückgehen, um menschenfeindliche Strukturen und Handlungen zu entdecken: Kriege toben auch heute noch auf der Welt.Genau jetzt stirbt ein Mensch an den unmittelbaren Folgen eines Krieges...

Wir haben (fast) alle das große Privileg, in einer Welt zu leben, in der wir keinen Krieg kennen. Ich musste nie um mein Leben laufen, nie habe ich mich mit dem Gebrauch einer Schusswaffe beschäftigen müssen, um mich oder meine Liebsten zu schützen. Nie musste ich mich tagelang in einem Bunker verstecken, während über mir die Bomben fielen. Nie musste ich aufgrund meiner Hautfarbe, meiner Sexualität, meines Geschlechts oder meiner Meinung den Tod fürchten.
Und verdammt – ich finde, jeder einzelne Mensch auf dieser Erde hat das Recht, in Frieden, Liebe und ohne Gewalt leben zu dürfen!
Und wenn das in dem Land, in dem man geboren wurde, nicht mehr möglich ist, dann sind wir anderen, die wir in friedlicheren Ländern, in wohlhabenderen Ländern, in privilegierteren Ländern leben, dazu VERPFLICHTET all jenen zu helfen, die in ihrem eigenen Land nicht mehr sicher sind. Und wir sind dazu VERPFLICHTET, diesen Menschen, die mit kaum mehr als der Kleidung am Leib, die nach wochenlanger Flucht über Land oder auf Schaluppen über das Mittelmeer nach Europa, nach Deutschland kommen, getrieben von der Hoffnung, hier Frieden zu finden, diesen ersehnten Frieden zu geben! Es ist nicht ihr Krieg, vor dem sie fliehen!
Wir alle müssen Fremden helfen, dass sie hier heimisch werden. Dass sie hier die Sicherheit finden, die ihre frühere Heimat ihnen nicht mehr geben konnte. Dazu gehört auch, dass ihre Unterkünfte NICHT ANGEZÜNDET werden, dass sie keine Angst haben müssen, auf der Straße von Menschen, die „eigentlich ja nichts gegen Ausländer“ haben angegriffen, verhöhnt oder beleidigt zu werden.

Und nun etwas Überraschendes:
Genau das gleiche gilt auch für alle anderen Menschen, die in unser Land einwandern. Surprise, surprise – manchmal braucht es gar keinen Krieg, um im eigenen Land keine Chancen mehr zu sehen. „Wirtschaftsflüchtlinge“, die aufgrund der häufig menschenverachtenden Produktionsbedingungen in ihren Herkunftsländern auf eine bessere Zukunft in Deutschland hoffen, die ihren Kindern eine schulische Bildung oder eine angemessene medizinische Versorgung ermöglichen wollen, die hoffen, in unserer Demokratie ein staatliches System zu finden, in dem sie ohne Angst ihre Meinung sagen dürfen – auch diese Menschen sollten hier selbstverständlich willkommen sein. Ich stelle mal die gewagte Behauptung auf, dass niemand gerne und ohne Weiteres seine Heimat, sein soziales Netzwerk, seine Angehörigen, seine(n) Partner(in), sein Zuhause verlässt, um in Deutschland ein paar Monate in einer Zeltstadt oder einem Asylheim zu verbringen. Denn – oh Wunder! - ebenso wenig wie die Flucht über das Mittelmeer ein Abenteurtrip ist, sind Flüchtlingsunterkünfte die Basis eines Cluburlaubs mit All-inklusive-Standard!

Es macht mich gleichermaßen traurig und wütend, wenn Menschen, die in Deutschland Schutz vor Krieg, Verfolgung oder wirtschaftlicher Not suchen, abgewiesen, beleidigt, verunglimpft, bedroht werden. Und zugleich ist die aktuelle Situation eine weitere Möglichkeit, eigenes Verhalten zu reflektieren: Wo kann ich helfen? Wo Ungerechtigkeit bekämpfen? Wem stelle ich mich entgegen und wofür möchte ich kämpfen?
Ich möchte, dass meine Kinder in einer Welt leben, in der Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht und Sexualität keine Rolle mehr spielen. Ich möchte, dass wir beginnen, endlich global sozial zu denken. Ich wünsche mir, dass niemand mehr aus seiner Heimat fliehen muss, ganz gleich aus welchem Grund. Ich wünsche mir, dass wir gerechte Löhne und gesellschaftliche Strukturen überall auf der Welt haben, die auch „Wirtschaftsflucht“ unnötig machen. Ich möchte, dass wir jeden Menschen mit offenen Armen empfangen, selbst wenn er keinen offensichtlichen Grund als „Entschuldigung“ hat, um einzuwandern. Ich wünsche mir, dass wir die Vielfalt der Kulturen als Geschenk und nicht als Bedrohung wahrnehmen.
Und ich BETE, dass weder ich noch meine Kinder jemals in die Situation kommen, aus unserer Heimat fliehen zu müssen – und sollte dies nicht in Erfüllung gehen, hoffe ich, dass die Menschen in unserer neuen Heimat offener und aufgeklärter sind als einige „Ich habe nichts gegen __(Beliebiges einsetzen)__, aber...“-Sager hierzulande.

Es ist an uns allen, diese Welt zu einem l(i)ebenswerten Platz zu machen.

Für die Menschen. Für die Tiere.